Warum der Utopische Salon?

Digitalisierung ist überall und verändert rasant, wie wir kommunizieren und interagieren, wie wir wahrnehmen und denken, wie wir arbeiten, wie wir leben. Die gesellschaftlichen Auswirkungen sind enorm, das bestreitet niemand. Und dennoch setzen wir uns viel zu wenig damit auseinander, was Digitalisierung eigentlich bedeutet, und wohin sie uns führt. Viele Menschen haben das vage Gefühl, dass da einfach irgendetwas mit ihnen passiert, worauf sie keinen Einfluss haben.

Damit wollen wir uns nicht abfinden. Wir können und wollen nicht auf jemanden warten, der uns das Denken abnimmt. Nicht auf die Politik und auch nicht auf ein Wunder. Wir brauchen heute eine breite gesellschaftliche Debatte zu diesen Themen, eine kritisch-rationale Auseinandersetzung, aber auch Kreativität und Spaß beim anders Denken. Schreckensszenarien gibt es bereits genug, was uns fehlt ist die Idee eines Zielbilds, eben eine Utopie. Was, wenn wir in 200 Jahren wiedergeboren würden – in welche Welt sollte das sein? Brave New World, Minority Report, Blade Runner? Das ist doch alles Fiction!? Zugegebenermaßen ja – aber die Welt von morgen wird nun einmal erschaffen durch die Phantasien von heute.

Darum haben wir den Utopischen Salon gegründet. Er hat eine „klassische“ Seite in der Tradition der philosophischen und literarischen Salons des 19. und 20. Jahrhunderts, in denen leidenschaftlich diskutiert wurde. Wir, das sind eine Gruppe (überwiegend) Frankfurter Bürger, Informatiker, KI-, HR- und Marketing-Experten, Physiker, Philosophen, Unternehmer, Banker, Journalisten, Interessierte. Und der Utopische Salon hat eine „virtuelle“ Seite, den Blog-Salon. Egal ob klassisch oder virtuell – immer geht es um den Austausch, offen und ohne Denkhürden. Der Utopische Salon will Fragen stellen, Denkanstöße geben und Menschen motivieren, sich über diese Themen auszutauschen. So wollen wir gemeinsam etwas bewegen.

Denn wer, wenn nicht wir?

Und wann, wenn nicht jetzt?

Blog

Gebt dem Souverän endlich seine Datenhoheit zurück!

Der wiederholte Aufschrei um die Methodik des „Targeting“ (Brexit, US-Wahlkampf) bzw. die Auswertungen von Nutzerdaten durch Cambridge Analytica bei Facebook zeigt: Die Verbraucher wissen nur selten, was mit ihren Daten wirklich geschieht. Was aber wäre, wenn Unternehmen künftig transparenter mit der Sammlung und Auswertung von personenbezogenen Daten umgingen? Wenn sie Kunden um Erlaubnis fragen müssten, …

Wie können wir lebenslang lernen?

Wer Einblicke in die Welt der Seminare für Führungskräfte erhält, entdeckt dort viel Merkwürdiges. Zum Beispiel, dass Seminare zur Digitalisierung in der Regel von zentimeterdicken Mappen voller Papier begleitet werden. Der Gipfel der Ironie ist es jedoch, wenn solche Seminare als “Internetführerschein” bezeichnet werden. Wer seinen Führerschein vor 20 Jahren gemacht hat, ist seitdem gut …

Literatur

Literaturempfehlungen …

 … von Jürgen Stahl, Union IT Services Gmbh

Wir haben uns ja in den letzten Treffen auch über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt unterhalten – die folgenden beiden Bücher passen zu diesem Themenkomplex:

Martin Ford  „The Rise of the Robots – Technology and the Threat of Mass Unemployment“
Trotz des eher reißerischen Titels eine eher bodenständige Analyse der aktuellen Vorgänge und Möglichkeiten, ganz im Sinne dessen, was uns Chris Boos im letzten Salon dargestellt hat. Das Buch analysiert auch die ökonomische Seite des Ganzen, nicht nur die technologischen Aspekte. Der Lösungsvorschlag des bedingungslosen Grundeinkommens, den Martin Ford vertritt, ist zwar aus meiner Sicht zu kurz gesprungen, da er die Frage nach dem Sinn des Daseins letztlich nicht befriedigt – trotzdem ein sehr lesenswertes Werk.

Jerry Kaplan  „Humans need not apply – A Guide to Wealth & Work in the Age of Artificial Intelligence”
Etwas weniger umfangreich in der Darstellung der aktuellen Entwicklungen, dafür mit mehr Überlegungen zu Lösungsalternativen jenseits des bekannten Themas bedingungsloses Grundeinkommen – für mich ebenfalls ein sehr interessanter Beitrag zur Diskussion.

In Diskussionen über die Entwicklung der Artificial Intelligence geht es häufig um die Frage, wie man Maschinen die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns beibringt. Ich finde es daher interessant zu erfahren, was wir überhaupt über die Funktionsweise und den Aufbau des Gehirns wissen. Ein interessanter Beitrag, um hier einzusteigen (wenn auch nicht top-aktuell):

Vilayanur Ramachandran  „Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn“
Entstanden aus einer Vorlesungsreihe (Reith-Vorträge) für die BBC werden verschiedene Bereiche der Neurowissenschaften gestreift, wobei die Reihe so angelegt ist, dass auch ‚Laien‘ bei dem Ganzen mitkommen. Ich finde das Buch sehr anregend, sich weiter mit den Themen zu beschäftigen, die ja letztlich dann auch wieder eine Menge Verbindungen zu den entsprechenden Fragestellungen in der KI-Entwicklung haben.

Und schließlich noch mal ein Blick auf’s Thema von jemandem, der ein großes, lange etabliertes Technologie-Unternehmen leitet und sich natürlich auch die Frage stellen muss, was die ganze Entwicklung für sein Unternehmen bedeutet.

Satya Nadella  „Hit Refresh – The Quest to Rediscover Microsoft’s Soul and Imagine a Better Future for Everyone”
Als erklärter Apple-Jünger bin ich nun eigentlich kein Freund von Microsoft. Trotzdem muss ich konstatieren, dass mich sowohl die Person Satya Nadella wie auch das Buch sehr beeindruckt haben. Zum einen ist natürlich interessant zu lesen, wie Nadella sich die Zukunft von Microsoft vorstellt und wie er das Unternehmen umgestaltet. Zum anderen finde ich es interessant zu sehen, dass er mit seinen Überlegungen (wie viele andere Manager in Technologieunternehmen inzwischen auch) nicht an der Grenze des Unternehmens Halt macht, sondern sich auch über die gesellschaftlichen Dimensionen der Entwicklung Gedanken macht.

… von Thomas F. Dapp, Digital Office | Think Tank, KfW Bankengruppe

Oliver Leistert, Theo Röhle (Hrsg.): Generation Facebook – Über das Leben im Social Net, transcript

Erik Brynjolfsson, Andrew McAfee: The Second Machine Age – Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies, Brilliance Audio

Dave Eggers: The Circle, Penguin

Viktor Mayer-Schönberger, Kenneth Cukier: Big Data – A Revolution That Will Transform How We Live, Work and Think, John Murray

Yuval Noah Harari: Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen, C.H.Beck

Geoffrey G. Parker, Marshall W. Van Alstyne, Sangeet Paul Choudary: Die Plattform-Revolution – Methoden und Strategien für Start-ups und Unternehmen, mitp

Jeanette Hofmann (Hrsg.): Wissen und Eigentum – Geschichte, Recht und Ökonomie stoffloser Güter, bpb Bundeszentrale für politische Bildung

Ralf Reichwald, Frank Piller: Interaktive Wertschöpfung – Open Innovation, Individualisierung und neue Formen der Arbeitsteilung, Gabler

Gunter Dueck: Das Neue und seine Feinde – Wie Ideen verhindert werden und wie sich sich trotzdem durchsetzen, campus

Yochai Benkler: The Wealth of Networks – How Social Production Transforms Markets and Freedom, Yale University Press

Heinrich Geiselberger, Tobias Moorstedt: Big Data – Das neue Versprechen der Allwissenheit, edition unseld

Evgeny Morozov: Smarte neue Welt – Digitale Technik und die Freiheit des Menschen, Blessing

Salons

Der Utopische Salon im Mai in FrankfurT

Künstliche Intelligenz: Mythos, Hype und Realität

Künstliche Intelligenz (oder AI: Artificial Intelligence) ist derzeit in aller Munde und (vielleicht neben Blockchain) das Hype-Thema schlechthin. Dabei wird der Begriff „AI“ recht unscharf verwendet: die Bandbreite geht vom simplen Computerprogramm über Data Science bis hin zur kognitiven künstlichen Intelligenz der Science Fiction. In den meisten Fällen ist allerdings Machine Learning gemeint, eine AI-Disziplin auf Basis neuronaler Netzte, die große Datenmengen als Input benötigt. Ein weiterer, durchaus auch spannender Ansatz ist Machine Reasoning, eine Weiterentwicklung der Expertensysteme der 1980er Jahre. Eine Gemeinsamkeit ist, dass die Methoden an sich bereits seit geraumer Zeit in der Wissenschaft und auch in Nischenbereichen der Wirtschaft entwickelt und eingesetzt werden, jetzt aber aufgrund verfügbarer Rechenleistung und auswertbarer Daten in allen Lebensbereichen mehr und mehr zum Einsatz kommen. Zu Gast war der Utopische Salon dieses Mal bei Chris Boos, Gründer und CEO von Arago. Chris ist Vordenker und Pionier auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Es war daher naheliegend, einige Frage zur AI näher zu beleuchten und zu diskutieren.

Was kann AI heute wirklich?

Welche Ansätze gibt es? Welche Disziplin ist für welchen Zweck am besten geeignet und warum? Warum erkennt ein Algorithmus, den ich aufwändig auf Katzenfotos trainiere nicht automatisch auch Meerschweinchen (man nennt das „Narrow AI“)? Gibt es nicht auch so etwas wie „General AI“? Was kann die und wo sind die Grenzen? Warum sollten wir trotzdem – oder gerade deshalb – nicht aufhören, selbst zu denken und zu lenken? 

Was entsteht da – und ist uns das ähnlich?

Wird uns AI erst simulieren und dann ersetzen? Auffällig ist, dass Computer und Maschinen gerade da besonders gut sind, wo wir Menschen das nicht sind – und umgekehrt. Das gilt für alle heute bekannten Arten von AI. Aber werden die Expertensysteme jetzt tatsächlich selbst die besten menschlichen Experten überholen? Immerhin spielen die Maschinen schon heute besser Schach, Go und Civilization als die menschlichen (Groß-)Meister … Oder werden eher die Tätigkeiten automatisiert, bei denen Menschen heute mehr oder weniger so arbeiten (müssen) wie Maschinen – „Herrn Taylor sei Dank“ – also Prozesse mit repetitiven Aufgaben, bei denen es auf Vollständigkeit oder Fehlerfreiheit ankommt? Das wären ja genau die Tätigkeiten, die den meisten Menschen ohnehin wenig Spaß machen … Gerade deshalb müssen wir uns heute (!) mit den Folgen für den einzelnen und die Gesellschaft auseinandersetzen. Dann könnte das tatsächlich eine Chance sein, uns wieder mehr auf das zu konzentrieren, was uns eigentlich ausmacht, nämlich Neugier, Kreativität und der Austausch mit anderen Menschen!

Wie wird die Entwicklung weitergehen?

Tja, die Gretchenfrage … Fakt ist: AI ist aus vielen Lebensbereichen bereits heute nicht mehr wegzudenken – und wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, die unaufhaltsam weitergeht. Aber in welche Richtung? Passiert das einfach alles oder können wir beeinflussen, steuern und wie? Wie sähe eine gute Vision der Zukunft aus?
Der Utopische Salon im Februar in FrankfurT

 

Aufgrund des mit steigender Rechenpower immer realistischeren Einsatzes von Robotic Process Automation, Machine Learning und dynamischer Expertensysteme sagen Studien massive Arbeitsplatzverluste bereits in den nächsten zehn Jahren voraus, die nicht nur die einfachsten Tätigkeiten betreffen. Die Presse greift dies auf, zum Teil mit alarmistischen Untertönen.

Das Thema „Zukunft der Arbeit“ ist in aller Munde

Auch wir haben uns beim Utopischen Salon im Februar in Frankfurt damit beschäftigt – auch wir haben mehr Fragen als Antworten, denken aber, dass man bereits manche Fragen differenzierter stellen muss. Einige Aspekte, die wir dabei angeschnitten haben, waren (unter anderem):

Bedingungsloses Grundeinkommen

Wenn Maschinen zunehmend Teile der Wertschöpfung bzw. ganze Wertschöpfungsketten übernehmen: was heißt das für die Menschen? Wie allokieren wir neu? Löst ein bedingungsloses Grundeinkommen die entstehenden Probleme? Bräuchte es dafür nicht globale Sozialstandards (und dementsprechend eine sehr weitreichende internationale Kooperation)? Oder sollte man das Konzept besser lokal „verproben“ und Erfahrungen sammeln?

Welche Jobs sind überhaupt wie stark betroffen?

Studien betrachten meist ganze Berufsbilder, in Wirklichkeit sind es aber dezidierte Aufgaben, die nach und nach (und nicht erst seit heute) durch Maschinen ersetzt werden. Vor allem regelbasierte und repetitive Aufgaben können gut von Maschinen übernommen werden, d.h. alles, wo Menschen heute mehr oder weniger „maschinenähnlich“ arbeiten. Dadurch werden sich Jobs weiter massiv verändern, aber nicht zwingend ersatzlos entfallen.

Lebenslanges Lernen

Die drei Phasen Ausbildung – Arbeit – Ruhestand sind heute schon passé. Ebenso suggerieren Initiativen wie der „digitale Führerschein“, den viele Unternehmen ihren Mitarbeitern anbieten, ein statisches Wissen, das man sich einmal erwirbt und dann für immer anwendet. Tatsächlich ist das Leben bereits heute geprägt durch eine Vielzahl individueller Phasen, von Neuanfängen und kontinuierlichem Lernen. Wissen und Expertise sind kein statisches Asset, das man über einen langen Zeitraum „auscashen“ kann.

Lust und Last der Freiheit

Wird es überhaupt noch Jobs im heutigen Sinne geben („Zeit gegen Geld?“) oder werden wir unsere Zeit, Energie, Intelligenz, Kreativität, Fürsorge anderweitig einsetzen können? Wer wird sich diese Freiheit leisten können – oder hängen wir den Großteil der Menschen ab (Szenario „Drogen und Computerspiele“)? Welchen Anteil haben einerseits Genetik, andererseits Erziehung und Bildung an Fähigkeiten wie Selbststeuerung und Impulskontrolle – unverzichtbar, wenn äußere Zwänge wie „geregelte Arbeit“ entfallen?

Idee

Initiiert wurde der Utopische Salon von Dr. Edeltraud Leibrock. Als Naturwissenschaftlerin (Physik, Biologie) und Tech-Pionier (mit 16 begann sie zu programmieren) ist sie überzeugt davon, dass Neues immer dann entsteht, wenn unterschiedliche Welten, Menschen und Kulturen aufeinandertreffen, sich austauschen und ergänzen: erst verschiedene Perspektiven ergeben das gesamte Bild. Seit vielen Jahren bringt sie in Beratung und Management Innovation und Transformation in IT- und technologiegetriebenen Organisationen und Prozessen voran.